[Texte Kirchenführer Stammheim Mai 2008]

Gotteshaus St. Bartholomäus

 

Stammheims Pfarrkirche am südlichen Dorfrand gelegen, schmiegt sich malerisch an die Rebhänge der bekannten Weinlage Stammheimer Eselsberg und leuchtet weithin über das Maintal.

Die Besonderheit, dass die Stammheimer „ihre Kirche nicht im Dorf gelassen haben“, ist vermutlich darauf zurück zu führen, dass an diesem Platz bereits eine Kapelle stand, welche die Grafen zu Castell im Jahr 1258 dem Zisterzienserinnenkloster Maidbronn schenkten.

[Schenkungsurkunde unter „Schenkungsurkunde Kapelle“]

 

Der Chronist schreibt:

Über viele Jahrhunderte zählte das Weinbauerndorf am Main zur Pfarrei Kolitzheim. Der Pfarrherr hielt nach altem Brauch an den Sonn- und Feiertagen Amt und Predigt in seiner Pfarreikirche in Kolitzheim. Die Stammheimer waren verpflichtet, den beschwerlichen Weg dorthin zu gehen. Nur jedes dritte Mal kam der Geistliche in seine Filiale nach Stammheim. Weil aber immer mehr Leute die Strapazen des weiten Fußweges vornehmlich bei schlechter Witterung scheuten, strebten die Stammheimer nach einer eigenen Seelsorgestelle.

Im Jahr 1747 wurde eine Kaplanei errichtet, die 1786 unter Fürstbischof Franz Ludwig von Erthal zu einer selbständigen Pfarrei erhoben wurde. Bis zum Jahr 1984 bewohnte der Geistliche ein enges, altes Fachwerkhaus hinter dem Rathaus, bis das neue Pfarrhaus (Maintalstraße 33) an der Stelle des früheren Schulhauses entstand.

Wohl wegen des reichlichen Weinzehnten und Korngülten suchten zahlreiche Lehensherren in Stammheim Besitzungen zu erlangen. Sowohl weltliche Herrschaften wie die Grafen von Castell als auch die geistlichen Stifte wie Maidbronn, Ebrach, St. Stephan zu Würzburg oder die Chorherren zu Heidenfeld legten stets großen Wert auf die pünktliche Zahlung der Gefälle bzw. der Zehnten.

Anfang des 18. Jh. betreuten die Chorherren des Augustinerstiftes von Heidenfeld die Stammheimer in der Seelsorge, wofür die Mönche aus dem Kirchenleben zwei Malter an Korngült zu bekommen hatten. Doch die Gläubigen blieben ihre Abgaben schuldig. Daraufhin beschwerte sich der Herr Propst bei der hochfürstlichen Hofkammer in Würzburg, nachdem die Untertanen seit 1692 ihre Gült nicht mehr entrichtet hatten. Untertänigst bat der Abt um gründliche Untersuchung und Klarstellung nach den alten Gemeinde-, Dorf- und Schätzungsgebühren. Ferner sollten alte Männer, unter ihnen Valtin Fischer, eidlich verhört werden.

Auf die Klage der Stiftsherren hin schickten die fürstbischöflichen Kammerherren eine landesherrliche Verordnung, nach der gegen das Abhören der alten Leute keine Bedenken bestünden, wenn der Passus (Streitfall) durch die Niederschrift in den Büchern fundiert sei. Doch bestünden ernste Bedenken wegen der rückständigen Gefälle, zumal das Kloster seit mehr als 20 Jahren auf die Abgabe der Gült Verzicht geleistet habe. Doch über den Ausgang der Klageführung schweigt sich der Chronist aus.

 

Die Geschichte unserer Kirche in Zahlen

1258 wurde erstmals am Standort dieser Kirche eine Kapelle urkundlich erwähnt

1347 wird eine Pfarrkirche im gotischen Stil genannt.

15. Jh. Der spitze Echterturm der jetzigen Kirche dürfte aus dem 15. Jh. stammen. Der Unterbau des Turms weist als Wehrturm ebenfalls in diese Zeit zurück.

1514  Die größte Glocke trägt die Jahreszahl 1514. (Glocke: Bez. 1515, mit Maßwerkfries, Ø 1,10 m) Wie so viele andere Glocken auch, sollte diese während des 2. Weltkrieges für den Bau von Kanonen eingeschmolzen werden. Zu diesem Zweck hat man sie, lt. mündlicher Überlieferung, aus dem Schallloch vom Turm hinuntergeworfen. Wie durch ein Wunder hat sie dies weitgehend unbeschadet überstanden. Glückliche Umstände haben das Einschmelzen verhindert und die alte Glocke wurde wieder nach Stammheim zurückgebracht.

[Details zu den Glocken unter „Friede sei ihr erst Geläut“]

1611-1614  In dieser Zeit fanden umfangreiche Renovierungs- und Baumaßnahmen statt. Eine Julius-Echter-Inschrift über dem Hauptportal, mit folgendem Wortlaut, berichtet darüber:

 

Julius von Edlen echters Stam
Durchwahl zum bistumb wirtzburg kam
Tausendfünfzehnhundert und dabei
Nach christo schrib man Siebenzigdrei
ach gott was mühe der Fürst ufwand
Mehr dan vierzig Jar im ganzen Lant
Auch diese Kirch er restaurirt
Gott ewig Ihms belohnen würd
                       1 6 1 4

 

Damals wurde der Turm um zwei auf vier Geschosse erhöht und mit dem weithin sichtbaren Julius-Spitzhelm, dem Markenzeichen des Bauherrn, gekrönt. Über dem zweiten Geschoss verläuft ein Gurtsims. Im zweiten Geschoss findet man ein Kreuzgewölbe und viereckige Scharten nach Süden und Osten. Im 4. Obergeschoss befinden sich einfache spitzbogige Schallfenster.

(Lt. Ordinariatsarchiv: Geistl. Mängel 1611, fol. 231: 1611 ließ Fürstbischof Julius Echter Kirche und Turm renovieren.)

1736  Nach 1736 wurde das Langhaus, es hat drei Fensterachsen, nach Westen hin Richtung Main erweitert. Die Flachdecke des Innenraumes weist einen einfachen Rahmenfelderstuck auf. Die einzelnen Felder sind mit Akanthus (= mehrjährige Staude eines Bärenklaugewächses mit geteilten Blättern und Blüten in langen Ähren) ausgeschmückt. Die Pflanze wurde in der Medizin zur Wundheilung eingesetzt. In der kirchlichen Mythologie galt sie als Heilpflanze. Besonders schön sind die zarten Muschelwerkstuckaturen am Kreuzgewölbe des Chores, die ebenfalls bei dieser Baumaßnahme entstanden.

Der Chor lag um vier Stufen höher als das Langhaus. An der südlichen Chorwand findet sich eine spitzbogige Nische, die vermutlich ehemals als Portal diente. Die Sakristei ist gegenüber, nördlich vom Turm, angeordnet. Man betritt sie durch eine spätgotische Tür mit schmiedeeisernen Beschlägen, reich mit Distelmustern und Lilienenden verziert. Ein Fensterchen im 1. Obergeschoss des Turmes an der Chorwand gewährt Einblick in den Chor. Der dahinterliegende Raum ist als einfache Betloge gestaltet.

1744  Der Hochaltar, welcher auf das Jahr 1744 datiert wird, hat einen kleinen aber kunstvollen Rokoko-Aufbau mit Lambrequin-Baldachin (Querbehang mit Quasten) und reichem Dekor. Über den seitlichen Muschelwerkfestons (Festons = ornamentales Bogengehänge aus verflochtenen Blumen, Blättern und Früchten) stehen die beschwingten Figuren des Kirchenpatrons St. Bartholomäus (links vom Hochaltar) und des Hl. Nikolaus (auf der rechten Seite). Das Altarbild zeigt die Szene „Mariä Heimsuchung“. Von links nach rechts sehen wir u. a. Zacharias, Maria und die Base Elisabeth. Die Kirche feiert das Fest „Mariä Heimsuchung“ am 2. Juli (siehe Lk 1,39-80).