Maria & Josef: (K)ein Paar wie jedes andere

Alle Altersgruppen: Die diesjährige Besetzung des etwas anderen Krippenspiels ist bunt gemischt. Von der ersten bis zur zehnten Klasse sind Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde dabei. Angeleitet wurden sie von Pfarrerin Claudia Jobst und Sabine Röll.Bei den Vorbereitungen zum obligatorischen Krippenspiel herrscht jedes Jahr Aufregung. Wer spielt die Maria, wer den Josef, wer die Heiligen Drei Könige, wer die Hirten? Danach wird mehr oder weniger großzügig aufgefüllt und zur Not noch ein paar Statistenrollen an die kleineren Kinder verteilt. So der Normalfall. Etwas anders verlief es in diesem Jahr in Zeilitzheim. Denn zur Aufführung kommt kein traditionelles Krippenspiel. Geschrieben haben es die Jugendlichen selbst. Das evangelische Pfarrersehepaar Claudia und Ulrich Jobst hatte schon im Oktober zur ersten Krippenspielbesprechung Kinder und Jugendliche aus der Gemeinde eingeladen. Es sind auch einige gekommen, besonders die aktuellen Konfirmandinnen erschienen zahlreich, die dann auch gemeinsam mit Pfarrerin Jobst zur Feder griffen und ihre modernen Vorstellungen eines Krippenspiels eingebracht haben.

Eigentlich bedürfe es bei den Jugendlichen immer besonders viel Überzeugungsarbeit seitens der Verantwortlichen, um die vermeintlich wichtigsten Rollen, nämlich die der Maria und des Josef, zu vergeben, wie Pfarrerin Jobst mit einem Schmunzeln erzählt. Jedoch kann man ja nicht auf die beiden wichtigsten Charaktere verzichten, denn ein Krippenspiel ohne Maria und Josef, das wäre ja fast wie eine Hochzeit ohne Brautpaar. Ansonsten kommen im Zeilitzheimer Schauspiel zu Heiligabend keine weiteren Krippenfiguren vor.Nach kurzer Beratschlagung unter den ältesten Krippenspielteilnehmerinnen stand ohnehin gleich fest: „Naomi, du machst heuer die Maria!“ Naomi war bei diesem Treffen nicht dabei. Jetzt könnte man sagen, nur deswegen haben die anderen Mädels diese Rolle an sie abgeschoben. Die Maria beim Krippenspiel zu sein – das gilt normalerweise bei Jugendlichen in diesem Alter als unliebsam, vielleicht sogar peinlich. Denn man muss ja am Heiligen Abend in der voll besetzten Kirche mit Josef, natürlich einem Jungen im gleichen Alter, Arm in Arm oder Hand in Hand durch die Kirche spazieren.

Aber gerade Naomi bringt Eigenschaften mit, die ein modernes Krippenspiel ausmachen: Da es ja ein innovatives Krippenspiel sein soll, „könnte niemand die Rolle besser spielen“, befanden die Jugendlichen.Naomi hat nämlich Wurzeln in Papua-Neuguinea. Ihre Mutter stammt von dort. Mit ihrem deutschen Vater lebt die Familie in Stammheim. Naomi ist 14 Jahre alt, in Deutschland geboren und nimmt mit den anderen Mädchen aus ihrer Klasse und ihrem Jahrgang bei Pfarrer Ulrich Jobst am aktuellen Konfirmandenkurs teil. Naomi verkörpert eine Facette unserer modernen Gesellschaft.

Mit Bankern, ohne Happy End

Natürlich ist die Handlung des Stücks an die traditionellen Vorlagen angelehnt: Maria und Josef – Letzterer wird von Johannes Dietrich aus Zeilitzheim dargestellt – suchen eine Unterkunft, einen sicheren Ort, an dem sie bleiben können.Doch dabei treffen sie auch auf die unterschiedlichsten Personen und Gruppierungen, die eher dem 21. Jahrhundert als biblischer Vorzeit zuzuordnen sind: darunter die Mitarbeiter einer renommierten Bank auf ihrer Weihnachtsfeier. Egal ob Hausfrau oder Kinder, ja nicht einmal der Pfarrer hat im vorweihnachtlichen Treiben Zeit und Nerven für die beiden.„Es ist kein klassisches Krippenspiel, wie man es an einem Heiligen Abend gewöhnlich sieht“, so die Pfarrerin in einem Gespräch mit dieser Zeitung am Rande der Generalprobe am vergangenen Samstag. Und ein richtiges „Happy End“ gebe es auch nicht, ergänzt sie.

Viele würden nicht daran denken, dass gerade an Weihnachten Ansprüche und Realität auseinanderklaffen, und deshalb habe sie und auch die Jugendlichen, mit denen sie das Stück verfasst hatte, bewusst auf den üblichen „Zuckerguss“ verzichtet, so Jobst.Genauso wie Naomi und Johannes als Maria und Josef im Krippenspiel verloren erscheinen, befinden sich auch viele andere Menschen in scheinbar ausweglosen Situationen. Die Botschaft ist demnach, dass Gott gerade auch auf der Seite dieser Menschen steht.Dies verdeutlichen heute wieder Krippenspiele aller Art in den Kirchen der Region. Auf unsere plurale Gesellschaft projiziert, fordern sie zu mehr Toleranz, mehr Integration und mehr Nächstenliebe auf.Trotz der ernsten Thematik im Stück haben die Jugendlichen in der Generalprobe sichtlich Spaß und meistern ihre Rollen souverän. Naomi wird von ihren Freundinnen liebevoll „Omi“ genannt. Als Maria beim Krippenspiel reicht es aber, wenn sie erst mal Mami wird und das Jesuskind zur Welt bringt. (Quelle: Mainpost 24.12.2012 Link)